Edelweiss-Gämsen-Weg


Gleich zu Beginn treffe ich auf von Hand geschnitzte Wanderwegweiser mit eingravierten Gämsen. Beim Umdrehen sehe ich eine Herde Gämsen am Steilhang grasen. Als sie mich bemerken, steigen sie langsam höher in Richtung Waldrand, so dass ich sie aus den Augen verliere. Intelligente Tiere, denk ich. Diese Fluchttiere sind noch wahrlich schüchtern, während die Population, die am Gross Mythen lebt, durch die vielen Besuchenden so stark gezähmt wurden, dass sie bis auf 4 Meter Annäherung ohne jeglichen Fluchtreflex friedlich weiter grasen. Dieses Verhalten habe ich bisher erst bei Steinbockpopulationen beispielsweise am Pilatus beobachten können.


Vom steilen Anstieg ist mir bereits so warm, dass ich die ersten Schichten des Zwiebelprinzips loswerde. Nach der berührenden Tierbegegnung höre ich neben dem Weg das Rauschen eines Wildbachs. Da, ein Eichelhäher fliegt von einem Baum am Waldsaum zum Nächsten und ruft seinen Kollegen warnend zu: «Schau, da läuft ein Rotkäppchen.» An seinen blauen Flügelfedern ist der Vogel für Artgenossen gut zu erkennen und ich mit meiner roten Mütze auch von Weitem.
Bei der frisch gebauten Holzhütte steht eine Tafel mit dem Titel: «Hier lebt der Wald.» und darauf sind alle Geschenke, die uns der Wald bietet, beschrieben. Mit dieser neuen Hütte können die Förster hier sicherlich ihre Aufgaben, wie das Schützen der Jungbäume, bequemer wahrnehmen.

Der Wanderweg verlässt nun den breiten Forstweg und es wird sumpfig. Immer wieder quert der Weg ein Moorgebiet. An einigen Stellen sind die nassen Wege mit Holzstegen überbrückt, so dass meine Füsse trocken bleiben. An anderen Stellen hat es durch die Schneeschmelze und den Regen so viel gestautes Wasser, dass sich tiefe Wasserlöcher bilden. Diese gilt es, geschickt zu umgehen. Das fühlt sich ein bisschen an, wie auf einer Slack-line zu balancieren. Jede Pfütze ist mit matschiger Erde gefüllt und jede Wurzel ist so mit Wasser vollgesogen, dass sie glitschig wie ein Fisch ist.


Da muss ich blinzeln, weil mir die Sonne direkt ins Gesicht strahlt. Geschafft, am Grat angekommen. Aus dem Schatten in die Sonne treten. Das ist ein schönes und befreiendes Gefühl. Und die Neugierde, wie es auf der anderen Seite des Grats aussieht, wird mit einem breiten Bergpanorama befriedigt. Jetzt habe ich mir eine Trinkpause verdient. Tief durchatmen. Die meisten Höhenmeter sind geschafft.


Mit frischem Elan geht es heiter weiter durch den Wald, durch das Moor und über Stock und Stein. Plötzlich kommt eine Lichtung und ein offener Hang mit Thymian-polstern. Das ist ein Zeichen für Trockenheit. Thymian liebt die Sonne und Wärme wie ich und wächst daher an trockenen Standorten. Dies nutze ich aus, um mich getrost auf den Boden zu setzen, ohne Sorgen, dass ich während des Pick-Nicks einen feuchten Hosenboden bekomme. 

Glücklicherweise ist auch genau hier das Bergpanorama uneingeschränkt sichtbar. Die Namen der Gipfel, die ich kenne, versuche ich zu erinnern und hangle mich mit den Augen von Einem zum Nächsten die gesamte Gebirgskette entlang. Bei einem markanten, schwarzen Felsgipfel bleiben die Augen hängen und bei dessen Namen bin ich ratlos. Vielleicht kommt später noch ein beschriftetes Panorama?


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Als ich zurück zum Wanderweg komme, entdecke ich überrascht ein fotogenes Edelweiss am Boden. Wie konnte ich dies beim Hinweg übersehen? Ich taufe den Weg für mich den Edelweiss-Weg. Der Gratweg schlängelt sich hoch und runter, auf kleine Zwischengipfel und hinunter zu Senken. So kommen nochmals ein paar Höhenmeter zusammen. Am Ende dieser Serie stehe ich auf der Spitalhöhe. Wow, diese Aussicht in alle Richtungen ist fantastisch. Tatsächlich hat es hier ein beschriftetes Bergpanorama und ich finde den Namen des fehlenden Gipfels: Bös Fulen. Aha, das möchte ich mir merken. Daneben am Boden markiert ein Grenzstein den Gipfel und darauf wieder ein Edelweiss. Ja, der Weg verdient den Namen Edelweiss-Weg. Wobei, die Gämsen waren auch ein schönes Erlebnis. Daher erweitere ich den Namen zu Edelweiss-Gämsen-Weg.


Maschinenlärm lenkt meinen Blick ins Tal. Da entdecke ich eine grosse Gruppe, die sich von Unteriberg her den Hang hinauf schlängelt. Sodann nehme ich den Abstieg in Angriff und stapfe die steilen Tritte talwärts. Ohne Stöcke in den matschigen Stufen nicht auszurutschen, verlangt höchste Konzentration und angepasste Geschwindigkeit.

Bis zur Spitalhöhe habe ich keinen einzigen Menschen getroffen. Je mehr ich mich dem Dorf Gross nähere, desto breiter wird der Weg und desto mehr Menschen begegne ich. Ein Mann fährt mit seinem Fahrrad seinen Hund Gassi. Der Hund läuft angeleint bellend neben dem Velo her. Dann fahren die ersten Autos an mir vorbei und es wird Zeit, abzuschätzen, welche Postautoverbindung ich erwischen kann. Da kommen mir die ersten Spaziergänger entgegen: Paare, die ihre Samstagsrunde drehen und Familien mit Kindern, die im Dorf leben. Bald sind einige Menschen an der Bushaltestelle versammelt, als bereits der gelbe, grosse Bus um die Ecke kurvt. Ah, schön warm ist es im Postauto auf dem Weg nach Hause.

Umweltnaturwissenschaftliche Informationen
Die Flachmoore Chli Seebli, Stockrietli, Regenegg, Heitlenen, Stäubrig, Ried bei Grossbach sind alle im Bundesinventar der Flachmoore von nationaler Bedeutung.
Durch das Verstecken von Eicheln haben Eichelhäher erheblich zur Ausbreitung unserer Eichenwälder beigetragen.

Wander-Informationen
In rund 4 h 20 von Alpthal via Spitalhöhe nach Gross.


Möchtest Du mich das nächste Mal begleiten und mit mir Tierbegegnungen erleben?


Ja, ich möchte den Edelweiss-Gämsen-Weg kennelernen.


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